Zeit zum Schreiben – eine Mail von Martina gegen die Sprachlosigkeit

Martina Steinheuer lebt in Bonn und war lange in der Bonner Initiative Grundeinkommen aktiv. Heute schrieb sie diese Mail. Mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen wir den Text auf unserer Seite. Und bedanken uns, dass sie ihre Gedanken teilt.

Ihr Lieben!

Es ist eine große Verstörung entstanden mit der Pandemie und dem, was das für unser aller Leben jetzt bedeutet. Sprachlosigkeit spüre ich; bei mir und auch bei denen, die ich nun nicht mehr persönlich treffen und sprechen kann. Man verteilt mehr oder weniger gute Witze über WhatsApp und versucht, sich irgendwie an die Gegebenheit anzupassen. Mit einer Mischung aus Unbehagen, Angst, Staunen, Wut, Verdrängung, Ablenkung, Abwehr, je nach Persönlichkeit.

Ich möchte den Versuch unternehmen, etwas gegen diese Sprachlosigkeit anzuschreiben. Es ist zuerst einmal ein Akt der Selbstorientierung, der Reflexion. Ich möchte etwas gegen meine eigne Erstarrung tun und vielleicht auch gegen die Eure.

Zunächst einmal: ich habe keine persönliche Angst vor Sars-CoV-2. Ich habe noch nie eine ernsthafte Erkältung, Grippe, Lungeninfektion gehabt; bin gesund und denke eigentlich, dass ich gute Abwehrkräfte habe. Das muss für die Zukunft nichts heißen, aber ich mache mir um meine Gesundheit gerade überhaupt keine Sorgen.

 Aber ich habe alte Eltern und ichhabe Freundinnen und Freunde, die Krebs haben, COPD, Nierenleiden und anderes. Um sie alle sorge ich mich schon, wenn nicht direkt, so doch für die nächste Zukunft. Ich möchte nicht, dass sie – wenn nicht am Corona-Virus, dann vielleicht auf Grund ihrer anderen Erkrankungen– an bald überforderden Versorgungskapazitäten im Gesundheitswesen leiden oder sterben. Wer nicht glaubt, wie ernst diese Gefahr ist, der oder die möge sich über die derzeitigen Zustände im Kreis Heinsberg bei Aachen informieren.

Ich kenne Ärztinnen und Ärzte und einige Leute, die anderweitig im Gesundheitswesen arbeiten. Sie werden bald überlastet sein, weil die Anforderungen, die auf sie zukommen, einfach zu viel sind. Um die sorge ich mich.

Und natürlich mache ich mir Sorgen um all diejenigen, die nicht wie ich eine feste Stelle im öffentlichen Dienst haben und bei all den Einschränkungen des wirtschaftlichen Lebens jetzt bald vielleicht um ihre nackte Existenz bangen müssen. Wie werdet Ihr über die Runden kommen?

Ich selbst fühle mich ziemlich privilegiert. Ich wohne mit einigen guten Menschen zusammen, es fehlt uns an nichts. Wir können zusammensitzen, miteinander kochen, essen, trinken und fröhlich sein. Andere sind allein und sie sind nun, wie ich fürchte, auch in ihrem Alleinsein gefangen. Das ist nicht schön.

Für mich persönlich sind es „nur“ die sozialen Einschränkungen, die mir zu schaffen machen: Manche lieben Menschen werde ich wohl für längere Zeit nicht sehen. Wir werden uns nicht umarmen, nichts miteinander erleben, nicht miteinander lachen, spielen, diskutieren, streiten, uns unserer Freundschaft in Nähe erfreuen. Ich fühle mich jetzt schon irgendwie abgeschnitten von ihnen. Diesen Sommer wird es wohl keine Festivals, keine Open-Air-Konzerte, keine geselligen und unbeschwerten Abende draußen im Park geben. Das sind die Dinge, die ich im Sommer so liebe, die mein Lebensgefühl ausmachen. Keine Feiern und Geburtstagspartys; manche schon seit langer Zeit geplant, angekündigt und nun abgesagt. Das ist bitter.

Ich war immer ein politischer und sehr kritischer Mensch. Doch im Moment bin ich wirklich froh, hier zu leben. In einem wohlhabenden Land mit einer Regierung, die vielleicht manches hätte anders machen können, aber von der ich schon das Gefühl habe, dass sie sich um uns Bürgerinnen und Bürger ehrlich sorgt und versucht, gut und im Sinne möglichst aller zu agieren. Dass dies massive Einschränkungen für jede und jeden von uns bedeutet, finde ich logisch. Dass in diesen Einschränkungen Gefahren für die Zukunft liegen, liegt auf der Hand. Doch dazu später mehr.

Ich lebe nicht in einem Flüchtlingslager an der griechisch-türkischen Grenze. Was dort passieren kann, mag ich mir gar nicht vorstellen. Ich lebe nicht in einem Kriegs- oder Hungergebiet, nicht in einer Gegend, die auch ohne Sars-CoV-2 Grund genug zur Flucht gibt. Nicht in einem völlig korrupten, despotischen Land und auch nicht in einem, in der machtgierige Herrscher ihre eigene Stellung über alles andere stellen. Nicht in den USA, deren Rate an Infizierten wohl bald die weltweite Länder-Liste anführen werden. Und auch nicht in China, dessen Mächtige vielleicht schnell und im Sinne des Ansteckungsschutzes richtig reagiert haben, um die Epidemie in den Griff zu bekommen, aber in dem, so wie zu lesen ist, jedwede Kritik an der Einparteienführung wie zuvor massiv unterdrückt wird.

Ich lebe in einem Land, dessen Regierung ihre Fehlbarkeit zeigt, deren Maßnahmen auch deutlich von Unsicherheit geprägt sind. Aber wie denn auch nicht? Da sitzen Menschen, keine „Künstliche Intelligenz“ und ich bin froh darüber. Und es ist auch ein Land, das mir das Gefühl gibt, dass hier niemand, der oder die etwas zu sagen hat, seine oder ihre persönlichen Interessen über das Wohl der Allgemeinheit stellt. Und wenn das doch jemand tut, dann jedenfalls nicht in einem Maße, dass es wirklich schädigend für die Menschen ist, anders als etwa in den USA oder in Brasilien. Das beruhigt mich schon; ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so etwas schreibe.

Es wird schlimm werden und es wird dauern, aber alles in allem – davon bin ich derzeit überzeugt, werden wir das alles in seinen direkten Auswirkungen besser hinkriegen, als viele andere.

Und in der Tatsache, dass dieses Virus bisher überwiegend in wohlhabenden, westlichen Ländern wütet, sehe ich – das mag, wer will, zynisch finden – in gewisser Weise als „höhere Gerechtigkeit“ an. Denn bisher haben die Folgen unseres westlichen Lebensstils, seien es Armut, prekäre Arbeitsbedingungen, Landraub, Umweltschäden und Klimawandel vor allem diejenigen getragen, die am wenigsten oder gar nichts davon hatten. Und nun trifft es in erster Linie einmal uns. Das kann sich natürlich auch noch ändern.

Das Zauberwort unseres kapitalistischen Lebensstils war immer „Wachstum“. Es sollte, so lautete die große Erzählung, immer mehr Wohlstand für immer mehr Menschen bringen. In gewisser Weise hat das ja auch gestimmt, aber dass das nicht mehr funktioniert, haben gerade in den letzten Jahren immer mehr Menschen begriffen. Auch die Wachstumskurve ist im Übrigen eine exponentielle – und was das bedeutet, sehen und spüren wir gerade am Ausbreiten der Pandemie. Exponentielles Wachstum von Konsum, Energieverbrauch und materiellem Lebensstandard kann nicht dauerhaft Basis für das menschliche Leben der Erde sein, denn entweder ruinieren wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen oder wir nehmen es in Kauf, dass ein großer Teil der Menschheit für den Wohlstand einer Minderheit bezahlt. Und beides ist ja in vollemGange.

Und nun – oder bald – steht sie also still.

Die große, alles verschlingende, globale Spirale vom „Immer mehr“ für die Privilegierten. Noch handeln die Börsen und ein Haufen gut bezahlter Finanzjongleure arbeitet in den Handelshäusern und kommuniziert mit einer unfassbar zynischen Sachlichkeit, wie man nun und mit was für Papieren am besten handelt und seine Depots verbessern kann in Zeiten der Krise.

Doch das ist wohl eine Frage der Zeit. Noch reden Politikerinnen und Politiker von den großen Konzernen, die man nicht im Stich lassen dürfe. Natürlich geht es dabei um Arbeitsplätze und Menschen, die sich fragen, ob sie in ein paar Wochen oder Monaten ihre Familien noch ernähren können. Aber die meisten Arbeitsplätze gibt es eben nicht bei der Lufthansa oder den Automobilkonzernen. Sondern es sind mittelständische Unternehmen, kleine Läden, Handwerksfirmen und Dienstleistungsbetriebe. Kneipen und Kultureinrichtungen. Sie alle, ihre Chefs und die Mitarbeitenden werden um ihre Existenz bangen.

Was wird passieren? Meine Kenntnisse von wirtschaftlichen Zusammenhängen sind recht laienhaft, aber ich möchte trotzdem schreiben, was ich denke: Meine These ist, dass der Staat vielleicht zunächst große Konzerne finanziell unterstützen wird, dass heißt, er wird sie zu Teilen verstaatlichen. Dazu gehören dann wohl auch Banken, denn ich verstehe, dass es wichtig ist, dass Menschen an Geld kommen. Doch mit der Verstaatlichung von Konzernen ist ja letztlich nur wenigen geholfen. Also wird der Staat dieMenschen alimentieren, wenn es keinen Bürgerkrieg geben soll. Es wird irgend eine Art von Grundeinkommen geben; nicht aus Überzeugung, sondern, weil es nicht anders geht.

Wir werden anders leben lernen in der Krise, davon bin ich überzeugt. Und je länger sie dauert, desto stärker werden wir anders leben und wirtschaften. Wir werden merken, dass Vieles anders sein kann. Es wird nicht alles gut sein, was passiert, davon bin ich auch überzeugt. Aber wir werden uns neu und anders orientieren, weil wir es müssen.

Und irgendwann in dieser neuen Realität werden wir das Gröbste überstanden haben.

Und dann? Wird es dann weitergehen, wie bisher? Wie vor der Krise?

Wer wird das bestimmen?

Für mich – und nicht zuletzt deshalb schreibe ich diesen Text, heißt die Antwort: WIR ALLE!

Wie oft habe ich gedacht: Es kann nicht so weitergehen! Es muss eine Veränderung dieses Krebsgeschwürs von Wachstumswahn, Ungleichheit und Umweltzerstörung geben. In nahezu jeder lockeren Runde unter Freunden und Bekannten war man irgendwann an dem Punkt, wo man die Absurdität des Systems beklagt hat. Oft genug habe ich mit Gleichgesinnten den Zusammenbruch geradezu herbeigesehnt. Dann kam vor 12 Jahren die Finanzkrise und für einen kurzen Moment war da die Hoffnung, es möge sich etwas Grundlegendes ändern. Aber man hat einfach Unmengen Geld in die „Rettung“, also die Aufrechterhaltung des Gesamtsystems gesteckt. Bezahlt haben andere; auch wenn das von manchen nicht so kommuniziert wird. Für uns in Deutschland war das Ganze doch nur ein abstraktes Zahlenspiel. Die meisten hier haben keinen Schaden aus der Finanzkrise gehabt; jedenfalls nichts im Vergleich zu dem was in Volkswirtschaften anderer Länder passiert ist. Und die Börsenkurse sind danach in unbekannte Höhen gestiegen; das spricht für sich.

Der tiefe Wunsch nach Veränderunghat mich jahrelang für ein Bedingungsloses Grundeinkommen streiten lassen. Davor, ein paar Jahre nach Gründung der Grünen, war ich dort aktiv und natürlich hatte und habe ich viel Sympathie für die ganze „Fridays for Future“-Bewegung.

Und gerade, wenn man auf diese letzte große gesellschaftliche Bewegung sieht, kann man erahnen, was für ein ungeheures Potential in der neuen Situation steckt: Kein Appell, kein noch so dringendes Argument für den notwendigen Schutz des Weltklimas, für unser eigenes, menschliches Überleben war auch nur im Ansatz stark genug, dieses große Anhalten zu bewirken, das nun passiert!

NIE MEHR kann ein Politiker oder eine Politikerin sagen, dieses und jenes sei alternativlos, wir können es wegen Wettbewerbsnachteilen oder sonst welcher Gründe nicht tun, nicht verändern! Wir sehen doch gerade, was geht!

Es liegt an uns, ob es DANACH wieder ein „Busyness as usual“ gibt oder nicht! Nur, weil im Moment kaum mehr einer darüber spricht, ist die Klimakrise ja nicht weniger präsent, als noch vor zwei Monaten. Wollen wir wirklich, dass die geschundene Natur, die gerade beginnen kann, sich ein wenig von uns zu erholen, wie bisher ausgebeutet wird? Wollen wir weiterhin auf die„Festung Europa“ bauen, die uns Wohlstand und Sicherheit gibt zum Preis von Abermillionen Menschen auf der Welt in Armut und Perspektivlosigkeit? Von denen dann früher oder später ein immer größerer Teil an die Grenzen von Europa drängt um sich endlich ihren Anteil vom Kuchen zu holen? An Grenzen, die mit immer größerem Aufwand vor diesen Menschen geschützt werden, wie die „Gated Communities“ in armen Ländern. Wollen wir eine „Gated Community Europa“?

Unsere Demokratie ist sicher nicht optimal, aber der Staat sind doch WIR! Ich habe die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens innerhalb des bestehenden Systems vor allem wegen der ganzen Klimathematik zunehmend kritisch gesehen. Aber ich dachte immer, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen, wäre es auf jeden Fall der richtige Weg! Und wenn es also nun durch diese Ausnahmesituation eingeführt werden sollte, dann liegt es an uns, es uns hinterher nicht wieder wegnehmen zu lassen! Es einzusetzen für den Aufbau einer anderen Welt. Das hört sich furchtbar pathetisch an, aber wann, wenn nicht dann?

Wann, wenn nicht jetzt?

Es gibt Menschen, auch von mir geschätzte Menschen, die glauben, das sei alles eine große Verschwörung. Alles sei nicht so wild und irgendwer hätte das alles nur inszeniert. Aber wer sollte das sein? Wer sollte daran ein Interesse haben und es dabei schaffen, die ganze westliche Welt zum Erliegen zu bringen? Glaubt diesen Blödsinn nicht. In vier Wochen wird niemand mehr von so etwas reden. Aber dann kommen sicher die neuen Verschwörungstheorien. Das Virus ist real, aber von irgendjemandem böswillig und gierig in die Welt gesetzt worden. Aber auch hier frage ich: Von wem denn? Fallt nicht auf so einen Mist herein, spart Euch Eure Energien dafür auf, Euch Euren Nachbarinnen und Nachbarn, den Obdachlosen und Flüchtlingen gegenüber so zu verhalten, dass Ihr abends noch in den Spiegel schauen könnt. Hört nicht auf die Populisten, auf die Dumpfparteien; vielleicht freuen die sich ja sogar über einen Staat, der gerade so hart agiert, wie sie sich das bisher in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen konnten. Wer weiß, auf was für dumme Gedanken deren Zündköpfe noch kommen, gebt Ihnen keine Chance!

Ein Name fällt mir ja schon ein, als großer Nutznießer der Pandemie. AMAZON. Sie werden sicher gute Geschäfte machen und noch dazu viele Arbeitsplätze schaffen.

Ach, lasst sie doch! Auch von uns werden sicher einige froh sein über das eine oder andere Päckchen, dass wir so praktisch von Ferne ordern können und vor die Tür geliefert bekommen. Und die Börsen-Hipster – lasst sie spielen; am Ende können sie ihr Geld auch nicht fressen und wir werden sie verkraften.

Und Amazon? – Was meint Ihr, wenn in ein paar Monaten oder später irgendwann die kleinen Läden auferstehen, sich neu erfinden, wie auch immer, wenn es jedenfalls wieder öffentliches Leben gibt, dann werden die Menschen glücklich sein, bei der Anprobe eines Kleidungsstücks oder beim Kauf eines Buches wieder ein menschliches, freundliches Gesicht vor sich zusehen und nicht nur ihren Computerbildschirm!

Und feiern wollen wir dann! Feiern und Tanzen!

Passt auf Euch und Eure Nächsten auf und auf die, denen es schlechter geht als Euch und bleibt wohlauf!

Martina

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